Ernährungstherapie bei Morbus Crohn
Die Ernährungstherapie ist ein integraler Bestandteil der Versorgung von Patient:innen mit Morbus Crohn. Sie dient nicht nur der Prävention und Behandlung von Mangelernährung, sondern kann – abhängig von Alter, Krankheitsaktivität und klinischer Situation – auch therapeutisch eingesetzt werden.1, 2, 3
Chronische Entzündungen, verminderte Nahrungsaufnahme, gastrointestinale Beschwerden sowie Resorptionsstörungen können zu Gewichtsverlust, Veränderungen der Körperzusammensetzung und Mikronährstoffdefiziten beitragen.1, 3, 4
Aktuelle Leitlinien empfehlen daher eine regelmäßige Beurteilung des Ernährungsstatus sowie die frühzeitige Einbindung qualifizierter Ernährungsfachkräfte.3
Für die klinische Praxis ist entscheidend: Ernährungstherapie ist bei Morbus Crohn nicht nur ein Thema für den akuten Schub oder ausgeprägte Mangelernährung, sondern kann auch bei klinisch stabilen Patient:innen in der Remissionsphase relevant sein.3, 4
Kurz & knapp
- Patient:innen mit Morbus Crohn haben ein erhöhtes Risiko für Mangelernährung und Mikronährstoffdefizite.1, 3, 4
- Ernährungstherapie kann unterstützend oder therapeutisch eingesetzt werden.1, 2, 3
- Auch klinisch stabile Patient:innen können profitieren.3, 4
- Die Umsetzung erfordert häufig strukturierte Unterstützung. Daher ist die Einbindung von Ernährungsfachkräften dringend empfohen.3
Bedeutung der Ernährung bei Morbus Crohn
Ernährung wird heute nicht als isolierte Ursache von Morbus Crohn verstanden, sondern als relevanter modulierender Faktor innerhalb eines multifaktoriellen Krankheitsgeschehens. Sie kann den Ernährungsstatus, die Darmbarriere, die Mikrobiota und entzündliche Prozesse beeinflussen und spielt daher eine wichtige Rolle in der Prävention von Mangelzuständen, in der Verlaufskontrolle und als unterstützender Bestandteil des therapeutischen Gesamtkonzepts.3, 5
Typisch bei Morbus Crohn ist:
- eine reduzierte Nahrungsaufnahme durch Beschwerden,
- eine Malabsorption bei entzündlicher Darmbeteiligung,
- ein erhöhter Energie- und Nährstoffbedarf und
- gastrointestinale Verluste bei Durchfällen
Wann sollte Ernährungstherapie aktiv adressiert werden?
Die aktuelle ECCO-Konsensusempfehlung zur Ernährungsmedizin bei CED betrachtet die Ernährungstherapie als integralen Bestandteil des Managements von Morbus Crohn. Ihr Einsatz sollte insbesondere in folgenden Situationen geprüft werden:5
- Zur Remissionsinduktion: Bei leicht bis mäßig aktivem Morbus Crohn können strukturierte Ernährungstherapien wie die exklusive enterale Ernährung (EEN) oder die Crohn's Disease Exclusion Diet (CDED) in Kombination mit partieller enteraler Ernährung (PEN) zur Induktion einer klinischen und endoskopischen Remission eingesetzt werden.
- Bei Mangelernährung oder Risiko für Mangelernährung: Aufgrund von Entzündung, reduzierter Nahrungsaufnahme, Malabsorption, Stenosen oder operativen Eingriffen besteht bei Patient:innen mit Morbus Crohn ein erhöhtes Risiko für Ernährungsdefizite. Eine frühzeitige ernährungstherapeutische Intervention kann zur Verbesserung des Ernährungsstatus und zur Vermeidung weiterer Komplikationen beitragen.
- Perioperativ: Vor geplanten Operationen sollte der Ernährungsstatus erfasst und bestehende Mangelernährung behandelt werden, da eine Optimierung des Ernährungszustands mit besseren postoperativen Ergebnissen verbunden ist. Die Ernährungstherapie ist daher ein wichtiger Bestandteil der präoperativen Vorbereitung.
- Postoperativ: Nach chirurgischen Eingriffen kann die Ernährungstherapie dazu beitragen, den Ernährungsstatus wiederherzustellen, Defizite auszugleichen und die Genesung zu unterstützen.
- Zur Aufrechterhaltung der Remission: Ernährungstherapeutische Maßnahmen können auch nach erfolgreicher Remissionsinduktion eingesetzt werden, um eine langfristige Krankheitskontrolle zu unterstützen und eine ausreichende Nährstoffversorgung sicherzustellen.
- Kinder und Jugendliche: Bei Kindern und Jugendlichen kommt der Ernährungstherapie eine besondere Bedeutung zu. Neben der Kontrolle der Entzündung unterstützt sie Wachstum, Pubertätsentwicklung und den Ernährungsstatus. Die EEN gilt als etablierte Erstlinientherapie zur Remissionsinduktion; alternativ kann CDED + PEN eingesetzt werden. 2
Wann besonders an Ernährungsunterstützung denken?
Eine ernährungsmedizinische Mitbeurteilung sollte besonders früh erfolgen bei:
- neu diagnostiziertem Morbus Crohn
- rezidivierenden Schüben
- Gewichtsveränderung
- auffälligem Eisenstatus oder Albumin
- geplanter Operation
- pädiatrischen Patienten mit Wachstumsrisiko
Ernährungsassessment
Die Basis jeder Ernährungstherapie ist eine strukturierte Erfassung des Ernährungsstatus.3
Zu erfassende Parameter3
- Körpergewicht und Gewichtsverlauf
- Body-Mass-Index (BMI)
- Nahrungsaufnahme
- Körperzusammensetzung
- Laborparameter zur Beurteilung des Ernährungs- und Mikronährstoffstatus (Eisen, Vitamin B12, Folsäure, Vitamin D und Zink, weitere Mikronährstoffe je nach klinischer Situation)
- Krankheitsbedingte Risikofaktoren für Mangelernährung
Ein regelmäßiges Screening sollte ab Diagnosestellung erfolgen.3
Ziele der Ernährungstherapie
Die Zielsetzung ist individuell und umfasst:
- Induktion einer klinischen und endoskopischen Remission, alleine oder in Kombination mit medikamentöser Therapie2, 3, 5
- Unterstützung der Remissionserhaltung3, 5
- Prävention und Behandlung von Mangelernährung3, 4
- Sicherstellung einer ausreichenden Energie- und Nährstoffversorgung3
- Unterstützung von Wachstum und Entwicklung, v.a. bei Kindern und Jugendlichen2
- Verbesserung der Lebensqualität
Ernährungstherapeutische Ansätze
Die Auswahl des geeigneten Konzepts erfolgt individuell.
Übersicht relevanter Konzepte
| Konzept | Beschreibung | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| Exklusive enterale Ernährung (EEN) | Ausschließliche Ernährung mit einer vollständig bilanzierten Trink- oder Sondennahrung | Remissionsinduktion, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen2, 5 |
| Partielle enterale Ernährung (PEN) | Ergänzung der normalen Kost durch enterale Formulanahrung | Unterstützung der Nährstoffzufuhr, Verbesserung der Krankheitsaktivität, Remissionserhalt5 |
| CDED + PEN | Strukturierte Lebensmittelauswahl in Kombination mit partieller enteraler Ernährung | Alternative ernährungstherapeutische Option zur Remissionsinduktion und Remissionsaufrechterhaltung bei Kindern und Erwachsenen5 |
| Mediterran orientierte Ernährung | Pflanzenbetonte, wenig verarbeitete Ernährung | Remissionsphase, langfristige Ernährungsgestaltung3 |
Wichtig:
Nicht jedes Konzept ist gleich restriktiv. Die Auswahl sollte immer an das Therapieziel, die Patientensituation und die Umsetzbarkeit im Alltag angepasst werden.
Aktuelle Leitlinienaspekte zur Ernährungstherapie: ECCO 2025 und DGEM 2025
Die aktuelle ECCO-Konsensuspublikation zum diätetischen Management bei CED stärkt die Rolle der Ernährungstherapie im Management von Morbus Crohn.4
In den aktuellen Leitlinien- und Konsensusdokumenten werden insbesondere folgende Punkte hervorgehoben:
- Exklusive enterale Ernährung (EEN) ist wirksam zur Remissionsinduktion bei Kindern und Erwachsenen mit leichtem bis moderatem Morbus Crohn.
- Partielle enterale Ernährung (PEN) kann die Krankheitsaktivität verbessern und in geeigneten Konstellationen zur Remissionserhaltung eingesetzt werden.CDED in Kombination mit PEN wird für Kinder zur Remissionsinduktion empfohlen und kann auch bei Erwachsenen in Betracht gezogen werden. Andere spezifische Diäten wie z.B. Low-FODMAP oder CD-Treat werden auf Grund unzureichender Evidenz nicht zur Remissionsinduktion empfohlen.
Ergänzend empfiehlt die aktualisierte DGEM-S3-Leitlinie in Remissionsphasen eine Ernährung nach dem Prinzip der mediterranen Ernährung mit einem hohen Anteil an Gemüse und Obst, hochwertigen pflanzlichen Ölen, Hülsenfrüchten, Vollkornprodukten und wenig verarbeiteten Lebensmitteln.3 Außerdem sollten alle Patient:innen mit CED Zugang zu einer zertifizierten Ernährungsfachkraft im Rahmen eines multidisziplinären Therapieansatzes haben.3 Da Patient:innen mit CED ein besonderes Risiko für Mangelernährung aufweisen, soll bereits bei Diagnosestellung und danach regelmäßig ein Ernährungsscreening erfolgen.3
Herausforderungen in der Praxis und Patientenperspektive
In der Praxis ist die Umsetzung der Ernährungstherapie mit Herausforderung verbunden.
Typische Patientenbarrieren:
- wahrgenommener hoher Aufwand
- Eingeschränkte Lebensmittelauswahl
- Schwierigkeiten bei der langfristigen Adhärenz
- fehlende Motivation
- Kosten für spezielle Lebensmittel oder Trinknahrungen
- Eingeschränkte Teilhabe an sozialen Aktivitäten
- Fehlender Zugang zu spezialisierten Ernährungsfachkräften
Die größten Herausforderungen der Ernährungstherapie sind häufig nicht die Wirksamkeit der Therapie selbst, sondern ihre langfristige Umsetzung im Alltag. Eine strukturierte Begleitung durch spezialisierte Ernährungsfachkräfte kann die Adhärenz und den Therapieerfolg entscheidend verbessern.
Rolle von Ernährungsfachkräften in der interdisziplinären Betreuung von Morbus Crohn
Die Einbindung qualifizierter Ernährungsfachkräfte ist essenziell.3
Aufgaben
- strukturierte Ernährungsanamnese
- individuelle Therapieplanung und -begleitung
- praktische Anleitung zur Umsetzung der Ernährungstherapie in der Praxis
- Schulung der Patient:innen
- Förderung der langfristigen Adhärenz
Verordnungsfähigkeit
Verordnung von Trinknahrung
Bei Trinknahrungen handelt es sich um Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke (bilanzierte Diäten). Nach § 31 Abs. 5 SGB V und § 21 AM-RL (der Neufassung vom 18.12.2008/22.01.2009) der Arzneimittel-Richtlinie (AM-RL) können bilanzierte Diäten zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden, wenn bei Patient:innen eine fehlende oder eingeschränkte Fähigkeit zur ausreichenden normalen Ernährung vorliegt und Maßnahmen für eine Verbesserung der Ernährungssituation (allein) nicht ausreichen.
Voraussetzung ist damit eine medizinische Notwendigkeit im Sinne der AM-RL.
Modulen® IBD regresssicher verordnen mit unserem Verordnungsleitfaden
Zum VerordnungsleitfadenVor der Verordnung sollten die in § 21 Abs. 2 AM-RL genannten Maßnahmen – eine Modifizierung der normalen Ernährung sowie sonstige ärztliche, pflegerische oder ernährungstherapeutische Maßnahmen – berücksichtigt werden. Wenn diese nicht ausreichen, kann Trink- oder Sondennahrung verordnet und bei Bedarf mit weiteren ernährungstherapeutischen Maßnahmen kombiniert werden.
Für eine regresssichere Verordnung ist die Dokumentation essenziell. Nutzen Sie unsere Checkliste und hinterlegen Sie diese in der Patientenakte.
Zur ChecklisteVerordnung der Ernährungstherapeutischen Betreuung
Viele gesetzliche Krankenkassen verlangen für die Beteiligung an den Kosten einer ernährungstherapeutischen Betreuung eine ärztliche Bescheinigung über die medizinische Notwendigkeit. Diese bestätigt die medizinische Indikation für eine ernährungstherapeutische Beratung. Die Notwendigkeitsbescheinigung dient als Grundlage für die Beantragung einer Bezuschussung bei der jeweiligen Krankenkasse. Umfang und Höhe der Erstattung unterscheiden sich je nach Krankenkasse.
FAQ - Häufige Fragen zur Ernährungstherapie
Patient:innen mit Morbus Crohn haben ein erhöhtes Risiko für Mangelernährung, Gewichtsverlust und Mikronährstoffdefizite. Ernährungstherapie kann dazu beitragen, den Ernährungsstatus zu stabilisieren, Defizite auszugleichen und die medizinische Therapie unterstützend zu begleiten.
Eine Ernährungstherapie sollte insbesondere bei aktiver Erkrankung, Mangelernährung oder einem Risiko dafür, perioperativ, postoperativ sowie zur Unterstützung der Remission geprüft werden. Bei Kindern und Jugendlichen ist sie zusätzlich wichtig für Wachstum und Entwicklung.
Zu den relevanten Konzepten zählen die exklusive enterale Ernährung (EEN), die partielle enterale Ernährung ( PEN ) die Crohn’s Disease Exclusion Diet (CDED) in Kombination mit PEN, sowie eine mediterran orientierte Ernährung. Die Auswahl hängt vom Therapieziel, der Krankheitsaktivität, dem Alter und der Alltagstauglichkeit ab.
Qualifizierte Ernährungsfachkräfte unterstützen bei der Erfassung des Ernährungsstatus, der individuellen Therapieplanung, der praktischen Umsetzung im Alltag und der langfristigen Adhärenz. Ihre frühzeitige Einbindung wird insbesondere bei erhöhtem Risiko für Mangelernährung empfohlen.
Nach § 31 Abs. 5 SGB V und § 21 AM-RL (der Neufassung vom 18.12.2008/22.01.2009) der Arzneimittel-Richtlinie (AM-RL) können Trinknahrungen zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung verordnet werden, wenn bei Patient:innen eine fehlende oder eingeschränkte Fähigkeit zur ausreichenden normalen Ernährung vorliegt und Maßnahmen für eine Verbesserung der Ernährungssituation (allein) nicht ausreichen.
Voraussetzung ist damit eine medizinische Notwendigkeit im Sinne der AM-RL.
Modulen® IBD regresssicher Verordnen mit unserem Verordnungsleitfaden
Zum Verordnungsleitfaden- 1 Rosen MJ, Dhawan A, Saeed SA. Inflammatory Bowel Disease in Children and Adolescents. JAMA Pediatr. 2015;169(11):1053–1060. doi:10.1001/jamapediatrics.2015.1982.
- 2 van Rheenen PF, Aloi M, Assa A, et al. The Medical Management of Paediatric Crohn’s Disease: an ECCO-ESPGHAN Guideline Update. J Crohns Colitis. 2021;15(2):171–194. doi:10.1093/ecco-jcc/jjaa161. Quelle öffnen
- 3 Bischoff SC, Blumenstein I, In der Smitten S, et al. S3-Leitlinie Klinische Ernährung bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Aktuelle Ernährungsmedizin. 2025;50:80–114. doi:10.1055/a-2514-0359. Quelle öffnen
- 4 Massironi S, Viganò C, Palermo A, et al. Inflammation and malnutrition in inflammatory bowel disease. Lancet Gastroenterol Hepatol. 2023;8(6):579–590.
- 5 ECCO Guideline/Consensus Paper. Consensus on dietary management of inflammatory bowel disease. J Crohns Colitis. 2025;19(9):jjaf122. doi:10.1093/ecco-jcc/jjaf122.
- 6 Gemeinsamer Bundesausschuss. Arzneimittel-Richtlinie (AM-RL), Kapitel I §§18–23; Neufassung vom 18.12.2008/22.01.2009.
Modulen® IBD ist ein Lebensmittel für besondere medizinische Zwecke (bilanzierte Diät). Zum Diätmanagement bei Morbus Crohn.
Wichtige Hinweise: Unter ärztlicher Aufsicht verwenden. Geeignet ab 5 Jahren. Als einzige Nahrungsquelle geeignet.